24.09.2015

Start in die neue Spielzeit 2015/2016

 

Neues von der Nase…

 

Handball in Hagenow besitzt eine lange Tradition. Und ungefähr genauso lange schon pfeift der Hagenower SV auf den Leistungssportgedanken. Man gefällt sich in der Rolle des biertrinkenden Feierabendhandballers, der die Liga gerne als Überraschungstüte drangsaliert. Da bleiben auch die obligatorischen Stimmungsschwankungen bei den Entscheidungsträgern nicht aus.

 

Warum es beim HSV trotz unaufgeregter vorbildlicher Vorbereitung eben doch nicht ruhig bleibt und weshalb er zum Favoritenkreis zählen dürfte, erfahrt ihr hier. Denn jetzt kommt die ultimative Saisonvorschau. Natürlich gespickt mit der schon zu erwartenden Prise Ironie.

 

Burpee – der Albtraum jedes unsportlichen Körperklauses

 

Ein lauer Sommerabend. Irgendwo in der Ferne hört man das Rauschen der Landstraße. Die Vögel pfeifen ihr Konzert. Pferde grasen döselig auf einer Koppel vor sich hin, werden jäh aus ihrem Tagtraum gerissen. „Zur Aufwärmung erstmal 30 Burpees! Während der Verschnaufpause 15 Jumps! 3 Mal das ganze! Viertelstunde? Ich baue solange den Parcours auf!“ Auch wenn hier junge Spunde und alte Reservisten bei zackigem Drill-Sergeant-Ton über die Tartanbahn gescheucht werden, bei der Grundausbildung zum Frontlinienfußvolk befinden wir uns hier nicht. Vielmehr gewohnter Alltag beim zehnwöchigen Sommertraining der Handballer vom Hagenower SV.

 

Anders als in den Jahren zuvor darf Trainer Tügel in Begleitung eines Athletiktrainers erstaunlich viele seiner Schützlinge begrüßen. Diese fluchen zwar bei jeder Übung, deren Intensität sich im Laufe der Wochen natürlich kontinuierlich steigert, freuen sich aber auch über die Abwechslung in der Saisonvorbereitung. Es musste sich etwas ändern. War in der Vergangenheit doch nur der harte Kern für das Training abseits der gewohnten Otto-Ibs-Halle zu begeistern. Wir sprechen da selten von mehr als 8 Mann. Bei einer Kaderstärke von mindestens 15 Leuten eher überschaubar. Da durfte sich Tügel alle Jahre wieder die abenteuerlichsten Ausreden anhören. Nun gut, dem ein oder anderen invalidierten Rekonvaleszenten sollte ein wenig Erholung gegönnt werden. Immerhin zum Balltraining waren ja alle wieder putzmunter und ohne Anzeichen irgendwelcher Wehwehchen am Start.

 

In diesem Jahr ist es anders. Zur vergangenen Saison startete der HSV mehr aus einer Idee heraus dieses für hagenower Verhältnisse harte Programm. Sind doch schließlich nur wenige der Spieler dazu bereit, zumindest im Punktspiel, bis zum sprichwörtlichen Erbrechen alles zu geben.

Doch sie lassen sich gerne triezen. Vielleicht auch, weil das eine oder andere Kilo zu viel auf der Hüfte hängt. „Wenn ihr mit dem Parcours durch seid, 30 Burpees zur Erholung!“ Und schon wieder dieses Wort. Klar, auch dieses Jahr fehlen wieder die üblichen Verdächtigen des mittlerweile 23 Mann starken Kaders bei der Saisonvorbereitung. Vor allem die Jungs aus der zweiten Reihe wittern ihre Chance und beißen sich durch. Da macht auch der eine Liegestütz mit anschließendem Hockstrecksprung nichts aus. Trainer Tügel wird es mit Zustimmung bewerten. So viel hat sich bereits herumgesprochen. Beim HSV und vor allem beim Coach zählt zu Saisonbeginn weniger das eigentliche Vermögen, Handball spielen zu können, sondern noch viel mehr die Trainingsbereitschaft. Einer dieser Gründe, was den HSV so besonders macht.

 

Der aufstrebende Nachwuchsmann wird aus seinen Gedanken gerissen. Die Ansage des Trainers sitzt. Mit solchen Schlusssprüngen darf er sich schließlich von der E-Jugend auslachen lassen.

Nach diversen Sprinteinlagen folgt zum Abschluss noch ein kleiner Wettkampf. Die Verlierer dieser Kraftübung müssen 15 Burpees machen. Die Gewinner brauchen immerhin 5 weniger ausführen. „Wie gnädig. Ein Albtraum.“ Der Spieler zieht auch diese Strafübung geduldig durch. Dann ist das Athletiktraining zu Ende. Froh darüber, jetzt auch für ein lockeres Spielchen den Handball in die Hand zu nehmen, verliert er noch keine Gedanken daran, dass ihm schon am Folgetag ein grausamer Muskelkater an Körperregionen plagen wird, von dessen Existenz er noch nie gehört hat. Doch er wird entschlossen zum nächsten Training kommen und sich der erneuten Aufgabe stellen. „Gib mir die scheiß Burpees!!!“

 

Warten aufs Neujahrsfest

 

Mittlerweile hat die Mannschaft den Abschlusstest hinter sich und das Training findet fast ausschließlich mit dem geliebten Spielgerät statt. Jetzt sind auch die verschollenen Mitspieler wieder happy und die Trainingsbeteiligung nimmt ungeahnte Ausmaße an. Für den Trainer eigentlich ein Grund sich zu freuen. Der stellt jedoch erstmal die Vertrauensfrage. Was war passiert? Naja, so richtig weiß niemand, was den Coach da geritten hat. Umso verblüffter die Reaktionen, als selbst der Name des potenziellen Nachfolgers mit festem Antrittsdatum in den Raum geworfen wurde. Alles nur eine Ente? Oder wurde dem Trainer in stiller-Post-Manier eine falsche Info zugetragen?

 

Im Rahmen der Saisoneröffnung gab es leise Kritik zum späten Einstieg ins Balltraining. Kritik, die angesichts der letzten Saison bei ähnlichem Trainingsverlauf, berechtigt scheint. War das Team zwar topfit, zeigte es jedoch arge Schwächen in der Ballbeherrschung. Da konnten Pässe auf zwei Metern Entfernung weder sauber gespielt, noch sicher gefangen werden. Selbiges befürchten einige wenige auch in dieser Saison. Diese Kritik ist allerdings, so stellen es die Sommersportler dar, unangebracht. Der Handball spielte auch im Sommertraining eine Rolle. Und sei es nur als abschließendes Trainingsspielchen. Die Exilanten haben da natürlich das Nachsehen und bleiben erstmal auf der Strecke. Die einzige Kritik, die hier dann angebracht wäre, ist Selbstkritik.

 

Vielleicht aber auch, so munkelt man, ist diese ganze Chose nur ein gewiefter Plan des Coaches, sein Standing im Team abzufragen. Was wiederum ein gewisses Risiko birgt. Stichwort Glaubwürdigkeit.

Ansonsten darf der Urheber dieses Meutereiversuches meinetwegen gerne auch Freitags bis 20 Uhr auf der anderen Spielfeldhälfte herumdallern.

Unruhe, die der Verein zurzeit gar nicht gebrauchen kann.

 

Umsetzen, Absetzen, Versetzen – der Alltag beim Hagenower SV

 

Genug der heiklen Interna und weiter mit den wirklich wichtigen und interessanteren Themen im hagenower Handballgeschäft. Während Trainer Tügel im Urlaub weilte, durfte sich vergangene Woche ein stellvertretender Übungsleiter (hier wird auch gerne die Bezeichnung „selbsternannter Trainingsweltmeister“ genutzt) das Training leiten. Und weil ihm nichts Richtiges einfiel, befahl er nach dem Lauf-ABC (die Jugendtrainer unter euch schmunzeln bestimmt gerade) die Ausführung gottverdammter Burpees. Ein paar freche Exilianer kommentierten den Spaß mit müdem Gähnen. Hallo, ich dachte, ich erscheine erst jetzt, zum Balltraining, damit ich keine Kraftübungen machen muss. Und dann sowas?!

 

Hab ich mich jetzt etwa als Trainingsmuffel geoutet? Jahrelange Erfahrung muss halt genügen, um den verfetteten Körper auf dem Handballfeld angemessen in Wallung zu bekommen.

Co-Trainer in Spe Patzner sah sich danach gezwungen, das Zepter in die Hand zu nehmen und so wurde sogar noch ein richtiges Training draus.

Gerade die Faulenzer sahen ihren Startplatz zumindest am ersten Spieltag in Gefahr. Diese dürfen erst einmal aufatmen. Denn das für den 26.09.2015 angesetzte Heimspiel gegen die zweite Vertretung vom TSV Bützow wurde ersatzlos gestrichen. Aus bützower Kreisen war schon Wochen zuvor zu hören, dass die Kaderstärke keine zwei Herren-Mannschaften mehr zulässt. Und tatsächlich. In der Not wurde das Verbandsligateam abgemeldet. So dürfen sich die Spätstarter beim Hagenower SV noch eine weitere Woche im Training empfehlen und vielleicht sogar noch eine der fleißigen Sportskanonen verdrängen. An dem einen oder anderen Burpee wird er dabei nicht drum rum kommen. Dann heißt es wieder „Zur Aufwärmung erstmal 30 Burpees! Während der Verschnaufpause 15 Jumps! 3 Mal das ganze! Viertelstunde? Ich baue solange den Parcours auf!“Der ehrgeizige Verbandsligahandballer kann darüber nur müde lächeln. Beim HSV ticken die Uhren hingegen anders, was ihn halt auch so besonders macht.

 

Der HSV mit neuem Gesicht und hohen Erwartungen (?)

 

Das erste Spiel wird wohl dennoch für manchen Spieler zu früh kommen. Ist der drei Wochen spätere Saisonstart ohnehin ungewöhnlich in diesem Jahr, findet für die Hagenower die erste Partie also sogar erst am 04.10.2015 statt. Von den 23 Spielern im Kader werden maximal 14 zum Einsatz kommen. Einige haben sich bereits durch permanenter Abwesenheit selbst disqualifiziert. Bei den dann noch knapp 18 Spielern wird es nach dem Abschlusstraining mit Sicherheit lange Gesichter geben. Wie eingangs erwähnt, besitzen die Jungs, bei denen auf der Anwesenheitsliste die meisten Haken stehen, einen gewissen Bonus bei ihrem Übungsleiter. Da wird dann auch für gestandene Routiniers keine Ausnahme gemacht.

 

Wie die Aufstellung also im Heimspiel gegen die TSG Wittenburg aussehen wird, darf fleißig spekuliert werden. Die Qual der Wahl hat letztlich der Trainer.

Die wird ihm noch damit erschwert, dass der HSV mit zwei Neuzugängen aufwartet.

Da wäre zum einen Eigengewächs Martin Schlee. In der B-Jugend überwiegend auf den Außenpositionen eingesetzt, wird er wohl auch im Herrenbereich zunächst dort sein Glück suchen können.

Der zweite im Bunde heißt Tobias Schluck vom Vellahner SV. Ebenfalls ein Eigengewächs, brach er die Zelte bereits im Jugendbereich ab, um sich beim VSV den letzten Schliff zu holen. Für den Hagenower SV die ersehnte Alternative für den Rückraum.

 

Doch wie wird der HSV schlussendlich in der Liga abschneiden? Die gute Nachricht ist ja schonmal, dass der letzte Platz in der Gesamtabrechnung für einen Oststaffelisten reserviert ist, da im Westen 8 und im Osten 9 Mannschaften an den Start gehen. Das Ringen gegen die Rote Laterne kann allerdings auch in diesem Jahr nicht der Anspruch des HSV sein. Eine Bewertung der Konkurrenz fällt dagegen gar nicht so leicht. Wie sind die hohen Auswärtssiege der TSG Wismar (28:16 beim SV Warnemünde II) und des VfL Neukloster (25:15 bei der HSG Uni Rostock) einzuschätzen? Und bilden die beiden Mannschaften von der Ostsee das Kanonenfutter der Liga, wie sich auf den ersten Blick erahnen lässt? Ich denke mal, dass sich beide Teams leider mit der unteren Tabellenregion arrangieren müssen.

Man hört Jahr ein Jahr aus von Gerüchten, die TSG Wismar wolle sich aus der Verbandsliga zurückziehen. Personalprobleme spielen da wohl eine Rolle. Ich stelle mir die Frage: Warum sollte eine Mannschaft, die jährlich um die vorderen Plätze mitmischt, auf einmal den Rumpelhandball in der untersten Spielklasse bevorzugen? Der Sieg in Warnemünde lässt jedenfalls aufhorchen.

 

Nach einer ernüchternden Saison 2014/2015 wird sich der VfL aus Neukloster wieder aufrappeln. Da bin ich mir sicher. In den Heimspielen wird das Team zusätzlich von den Zuschauern getragen. In den Auswärtsspielen wird sich der VfL allerdings steigern müssen.

 

Bei der TSG Wittenburg wiegt der Abgang von Spielertrainer Niemann Richtung Güstrow schwer. Dennoch glaube ich, dass die TSG in diesem Jahr zu einer Leistungssteigerung fähig ist. In der letzten Saison gingen die Spiele nur knapp verloren. Letzten Endes kann sich das Team nur selbst schlagen. Bleibt alles ruhig und behalten sie die Nerven, ist Wittenburg für mich ein Kandidat für die obere Tabellenhälfte.

Der Plauer SV könnte dieses Jahr der Favorit in der Staffel West sein. Spielen sie doch den konstantesten Handball von allen. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund ist es für jeden Konkurrenten ein Krampf, in der Klüschenberghalle zu spielen. Man darf gespannt sein.

Die Spielvereinigung Crivitz/Banzkow bildet wohl die unbekannteste Konstante. Angeblich droht wohl jedes Jahr der Untergang, weil sich Mannschaftsteile nicht grün sind oder Spieler XY nicht mehr in der ersten Mannschaft berücksichtigt wird. Ganz ehrlich? Alles dummes Geschwätz, das ich nicht mehr hören kann. Wie die blöde Olle in der Schule, die einem nach jeder Mathearbeit jammernd in den Ohren liegt, sie hätte die Klausur verhauen und ´ne Woche später dann ihren genervten Mitschülern freudestrahlend mit der Note 1 auf den Sack geht. Von den Plätzen 2 bis 6 wird hier alles möglich sein.

 

Wäre nur noch der Hagenower Sportverein. Tja, da schreibe ich hier ellenlange Ausschweifungen und kann dann doch nicht viel zum HSV sagen. Da ich nunmal kein Träumer bin, prophezeie ich dem Verein meines Herzens auch für diese Saison keine handballerischen Höhenflüge. Naja, ein paar Leute meinen tatsächlich, dass in diesem Jahr die Zeit reif wäre, die Liga zu erobern. Angesichts der vorbildlichen Saisonvorbereitung könnte man das auch meinen. Nur leider besitzt das Team nicht die nötige Disziplin, vor allem eng gestaltete Spiele für sich zu entscheiden. Bei hohen Rückständen lässt der HSV gar den Kampfgeist fast gänzlich vermissen. Trainer Tügel steht dem ganzen nur noch ratlos gegenüber. All seine Mittel wollen einfach nicht zünden. Wie auch? Schon im Training werden einzelne Übungen von den Spielern der ganz schlauen Sorte permanent hinterfragt, taktische Vorgaben ständig ignoriert. Hat der HSV etwa ein Trainerproblem, wie auch der Coach selbst vermutet? Ich sage NEIN. Vielmehr sind es die einzelnen Egoismen im Team. Schon die Jüngeren lassen sich kaum auf Ratschläge der erfahreneren Gilde ein. Währenddessen diese selten einen kühlen Kopf bewahren. Das Mittel „Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand“ führte schon zu Kreisligazeiten selten zum Erfolg. Aber für eine geordnete Ballstafette sind die wenigsten bereit. So spielt der HSV seinen gewohnten und von niemandem gefürchteten Standhandball, während der Trainer am Spielfeldrand vor lauter Zorn auch seine letzten Haare verliert.

 

Letztlich ist die große Kaderfülle für Trainer Tügel vielleicht auch mehr Segen als Fluch. Lassen sich Querulanten noch entspannter aussortieren. Und für die Altherrentruppe spielberechtigte Akteure könnten unter Umständen mit der Doppelbelastung ein Problem haben. Problem ist ein gutes Stichwort. Die wird Tügel erfahrungsgemäß sicherlich bei seinen Auswärtsspielen haben. Wenn Spieler lieber mit den Eltern zu „C&A“ fahren, statt mit dem dezimierten Haufen die Reise anzutreten. Die Last wird wieder auf den Schultern einzelner Akteure liegen, während sich der Rest gepflegt aus allem heraushält. So konnte man sich schließlich auch in der Vergangenheit immer ganz gut aus der Affäre ziehen. Für den Spielausgang war das hingegen nicht ganz so förderlich. Aber dieses Licht geht dem HSV ja vielleicht endlich in der anstehenden Saison auf…

 

Das größte Überraschungspotenzial der anstehenden Saison birgt also wohl der Hagenower SV selbst. Ob nun positiv oder negativ, das stellt sich noch heraus. Wobei es für viele Ligakonkurrenten wohl kaum eine Überraschung wäre, würde sich der HSV mit desolaten Vorstellungen im unteren Tabellendrittel festbeißen.


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