9. Spieltag 2015/2016 / TSG Wittenburg Hagenower SV / 29:19

Nach einigen Wochen der Abstinenz möchte ich zu den jüngsten Geschehnissen mal wieder meinen Senf abgeben.

 

Die Mutter aller Derbys

 

Am vergangenen Wochenende wartete der Tabellennachbar TSG Wittenburg auf die Tügelschützlinge. Im Vorfeld wurde seitens der Gastgeber ordentlich die Werbetrommel gerührt, um auch das Rückspiel in eigener Halle für sich zu entscheiden. Man hoffte auf eine gewisse Derbyatmosphäre. Auch beim Hagenower SV sehnte man sich diesem Derby entgegen. Doch wer hat diese Begegnung „TSG Wittenburg : Hagenower SV“ eigentlich irgendwann mal als Derby deklariert? Leser älteren Semesters möchten mich bitte eines besseren unterrichten. Aber Zeitlebens meiner persönlichen (bescheidenen) Handballerkarriere besaß diese Paarung selten Derbycharakter. Das mag wahrscheinlich daran liegen, dass sich in der Vergangenheit zum einen eher die zweite Vertretung des damals glorreichen ESV ´48 Hagenow in den tiefsten Niederungen des Mecklenburger Handballs mit der TSG zu messen hatte, zum anderen, dass die TSG selbst seinerzeit aufgrund der kürzeren Fahrtwege die Flucht Richtung Westdeutschland antrat und somit über Jahre irgendwo im Handball-Nirwana verschwand.

 

Seit zwei Jahren nun wird diesen Partien das Prädikat Derby angedichtet. Aber hat Derby nicht auch etwas mit Tradition und Identifikation zu tun? Tradition hat diese Paarung jedenfalls – sieht man von Test- und Turnierspielen ab - (noch) nicht. Und ob sich alle Akteure mit ihren jeweiligen Vereinen identifizieren können, stelle ich auch mal in Frage. Aber wenn es der Brisanz dieses Kellerduells guttut, dann sollen die Leute meinetwegen mit der Bezeichnung „Derby“ hausieren gehen. Die Qualität dieser Begegnung bleibt auch weiterhin bescheiden. Was man vom Niveau der Zuschauer auf den Rängen mehr oder weniger (leider?) ebenfalls behaupten kann.

 

Frenetische Anfeuerungsversuche paaren sich mit simpelsten Zwischenrufen im biergeschwängerten Gossenjargon. Opfer solcher Tiraden ist ja meistens die Gästemannschaft. Fühlt man sich doch als Zuschauer in eigener Halle sicherer und heimeliger als anderswo. Und wenn doch Ärger droht, weist man, Fuchs der man ist, darauf hin, dass doch die Schiedsrichter gemeint seien. Spielerfrauen sind schließlich das Sahnestück auf der Tribüne. Dabei will ich mich jetzt nicht über die verschiedenen Varianten der optischen Selbst-fehl-einschätzungen auslassen, sondern vielmehr auf die entwaffnende Dummheit einiger holder Herzdamen hinweisen. Was da so an geistlosem Erguss zu Tage getragen wird… Dem Hartz-IV-TV-Fan geht dabei das Herz auf. Genau deshalb geht man in die Halle. Und als Bankdrücker wird einem so die Wartezeit auf den drohenden Einsatz versüßt. Herrlich.

 

Vielleicht braucht es ja genau dieses Niveau, damit diese Spielansetzung irgendwann endlich mal als Mutter aller Verbandsliga-Derbys bezeichnet werden kann. Von mir aus gerne mehr davon.

 

Sieg oder Sibirien

 

Freitag um 20:30 Uhr hieß es also, ganz einem Derby entsprechend: „Sieg oder Sibirien“

 

Sibirien lag ja bereits direkt vor der Tür. Bei der Arschkälte freut man sich doch, dem schönsten Sport der Welt in der Halle huldigen zu dürfen. Mit einem Sieg lässt es sich noch schöner frönen.

 

Haben die Gastgeber von der TSG bereits ausreichend Kampferfahrung in Freitagabendspielen, befindet sich der HSV zu dieser Zeit für gewöhnlich im Trainingsmodus und holt sich den bis dahin mindestens sechsten Einlauf vom Trainer ab. Der geneigte HSV-Fan und Trainingsgast sollte allerdings auch in Wittenburg nicht enttäuscht werden.

 

Die Marschroute war klar vorgegeben. Es zählte nur ein Sieg, um Anschluss ans Tabellenmittelfeld zu halten. Dazu sollte das Hauptaugenmerk auf die Verteidigung des Wittenburger Rückraums gelegt werden. Bei Angriff appellierte man an eine erhöhte Übersicht in den Abschlüssen. Man wolle nicht wieder nach 10 Minuten mit fünf Toren zurück liegen, nur weil der gegnerische Torhüter wieder berühmt geworfen werden würde.

 

Nun ja, irgendetwas scheinen die Spieler des HSV falsch verstanden zu haben. Vielleicht ging ja das Wörtchen „nicht“ irgendwie unter. Es brauchte jedenfalls einige aussichtsreiche Anläufe, um den ersten Treffer für sich zu markieren. Die Gastgeber waren zu diesem Zeitpunkt mit vier Toren etwas erfolgreicher. Die Jungs aus Hagenow machten es dem Gegner allerdings auch etwas zu leicht. Dabei war die 5-1-Deckung zu keinem Zeitpunkt präsent, wodurch sich für die TSG beste Einschussmöglichkeiten über die Außen und dem Rückraum ergaben. Folgerichtig wurde auf eine 6-0-Formation umgestellt, was nun für deutlich mehr Sicherheit vor dem Hagenower Tor sorgte. Das katastrophale Angriffsspiel, sofern man hier von Spiel überhaupt reden kann, blieb jedoch weiterhin Hauptproblem der ersten Halbzeit. Frei vor dem Tor wurden Würfe vergeben, die selbst Anfänger im Schlaf im Kasten untergebracht hätten. Nervosität oder starker Torhüter? Vermutlich trieb die Mischung aus beidem den HSV und nicht zuletzt auch Trainer Tügel zur Verzweiflung. Am Ende konnte sich kein Spieler von dieser eklatanten Abschlussschwäche freisprechen.

 

Dass sich der Rückstand zum Gegner trotzdem nur in Grenzen hielt, liegt wohl darin begründet, dass sich die Hausherren in den letzten zehn Minuten vor dem Pausengong deutlich schwerer mit der Hagenower Deckung taten, als noch zu Beginn der Partie. Viel entschlossener als in der 5-1-Abwehr ging der HSV jedenfalls nicht zu Werke, was deutlich macht, dass bei konzentrierteren Torabschlüssen die Halbzeitführung möglich gewesen wäre. Die Realität fiel mit 9:13 aus hagenower Sicht jedoch ernüchternd aus.

 

Das Problem im Hagenower Spiel lag deutlich auf der Hand. Also sprach man zunächst die schwache Abwehrarbeit an. Bei 13 Gegentoren (drei, vier Konter/Siebenmeter inklusive) gab es hier durchaus Redebedarf. Über die Katastrophe, die die Spieler des HSV Angriff nannten, wurde dann auch noch kurz gesprochen. Weder wurde ausreichend Druck auf die gegnerische Verteidigung ausgeübt, noch fand ein bewegliches Kombinationsspiel statt. Fehlpässe der erschreckendsten Sorte reihten sich dem auch noch ein. Dennoch kreierte der HSV genügend Torchancen, was eigentlich für die Qualität dieser heutigen Partie spricht. Nicht mehr sprechen brauchen wir über eben jene Verwertung dieser Torchancen. Das Halbzeitergebnis sagt soweit alles aus.

 

Trainingsspielchen

 

Der weitere Spielverlauf lässt sich an dieser Stelle eigentlich mit dem Endergebnis abkürzen. Denn auch im zweiten Durchgang wurden die zahlreich mitgereisten Fans des Hagenower SV maßlos enttäuscht.

 

Weder änderte sich etwas am Spieltempo, noch an der Torgefahr des HSV. Auch weiterhin wurde kaum Druck gemacht. Die TSG durfte es beim einfachen Verschieben der Abwehrreihe belassen. Dies sorgte bereits dafür, dass sich die Gäste überfordert zeigten. In Sachen Präzision half auch der Pausentee nicht. Und die Abwehr zerfiel allzu schnell wieder in den gewohnten Hühnerhaufen, wie man ihn zu Beginn der Partie erleben durfte.

 

Zu diesem Zeitpunkt werden beim HSV ja immer die Mannschaften zum abschließenden Trainingsspiel zusammengestellt. In puncto Ehrgeiz und Motivation schien sich der HSV offensichtlich im eben jenem allwöchentlichen Herumgeeiere zu wähnen.

 

Die Gastgeber waren an diesem Tag einfach heißer auf die zwei Punkte und gingen somit auch als der mehr als verdienter Sieger vom Feld. Der Auftritt des HSV mutete geradezu lethargisch an. Eine Mannschaft auf Valium möchte man meinen. 29 : 19 der Endstand an diesem schwarzen Freitag.

 

24.01.2016, 11:30 Uhr, HSG Uni Rostock : Hagenower SV

 

Am kommenden Freitag ist für den HSV dann ausnahmsweise mal wieder Training angesetzt. Die Übungsleiter werden sich sicherlich einige qualvolle Einheiten ausdenken, damit die Schmach von Wittenburg noch lange in den Köpfen der Hagenower Handballer als mahnendes Beispiel hängen bleiben wird.

 

Unehrenhaft auf die Heimreise geschickt wurden: Struck, Braun – J. Tügel, Brink, Patzner, Burmeister, R. Thiel, M. Thiel, Pätzold, Fietkau, Koch, Rothgänger, N. Tügel

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